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39. Theatertage der bayerischen Realschulen 11. bis 13. Mai 2026 in Eichstätt
Texte Wolfram Brüninghaus
Fotos: Tanja Suckart
Um einen Eindruck von der Veranstaltung zu bekommen, in der sechs Produktionen von jeweils rund 50 Minuten Dauer gezeigt wurden, habe ich mich auf drei Beschreibungen beschränkt.
Multikulti im Spessart
„Und in der Nacht die Räuber:innen wacht“ nach Wilhelm Hauff
​Johann-Simon-Mayr-Realschule Riedenburg unter Leitung von Barbara Götz und Susanne Engl
Bitte nicht vom bewusst eigenen, grammatikalisch schrägen Titel des Stücks irritieren lassen!
 
Die Gruppe wollte das Geschehen in dem und um das Wirtshaus im Spessart auf die Schulbühne bringen und orientierte sich hauptsächlich an der Handlung des bekannten Films mit Liselotte Pulver: Comtesse von Sandau ist samt Entourage und geistlichem Beistand in der Kutsche unterwegs durch den Spessart nach Würzburg. Im Wald bricht ein Rad, und die adelige Gesellschaft steigt notgedrungen, auf den Rat von zwei harmlos scheinenden Räubern hin, im naheliegenden Wirtshaus ab. Dort treffen sie auf zwei Handwerksburschen. Weitere Räuber treffen ein und erklären die Comtesse zu ihrer Geisel, um vom Vater Sandau Lösegeld zu erpressen. Einer der Handwerksburschen tauscht mit der Comtesse die Kleidung, und die Comtesse dient sich beim Räuberhauptmann als neuer Rekrut an, während der verkleidete Handwerksbursche die Lösegeldverhandlungen führt. Vater Sandau soll zahlen. Die eigenwillige Comtesse will unbedingt dem Räuberhauptmann als Bursche dienen. Der jedoch erkennt schließlich das falsche Spiel, und gegenseitige Zuneigung entwickelt sich. Der Räuberhauptmann entpuppt sich als verarmter italienischer Graf, der durch Vater Sandau einst um sein Vermögen gebracht worden war. Am Ende finden die Comtesse und der Italiener zueinander.
 
Es ist erstaunlich, mit welcher spielerisch überbordenden Laune sich die Gruppe in den dunklen Spessart aufgemacht hat und gleich zu Beginn das Publikum in Reimen auf die bevorstehenden Gefahren hinweist. Sogleich wird’s wirklich unheimlich: gruseliges Rotlicht, Nebelschwaden und Nachtgeräusche. Ein durch die zwei Räuber gespanntes Fangseil wartet auf die mit selbst erzeugtem Pferdegetrappel in die Falle fahrende Kutsche. Prompter Radbruch. Die Kutsche besteht aus einem bemalten Pappseitenelement, das von der Fahrgemeinschaft gehalten wird. Wieder mit einfachsten Mitteln werden allein durch schwarze Rolltrennwände Übernachtungsräume des Wirtshauses imaginiert. Alle Bewegungen sind bewusst gestaltet. Wieder fasziniert ein einfaches Mittel für die Szene mit dem Kleiderwechsel. Eine weiße Gardine über einer Stange und das spärliche Licht einer Taschenlampe genügen. Die aberwitzige Szene, in der Mutter Sandau mit der renitenten Tochter spricht, eskaliert durch wiederholtes Hervorstrecken von Köpfen unter dem Rückvorhang und dem ständig gerufenen „Nein!“. Die Räuberbande bestärkt sich durch ihren „Rütlischwur“: „Einmal Räuber, immer Räuber!“ Die Berufsehre drängt jedoch immerhin zur Warnung im roten Licht: „Nehmt euch in Acht! Und in der Nacht die Räuber:innen wacht!“ Auch im Spessart ist Multikulti zuhause.
Blick in den Spiegel
 „Der traurigste Witz“ - Eigenproduktion
​Hans-Böckler-Realschule Fürth unter Leitung von Daniel Burghardt
Der Spiegel, den die Jugendlichen dem Publikum in ihrem Stück gleichsam vorhalten, ist geradezu auf Hochglanz poliert. Und damit der Blick scharf genug und unverstellt möglich ist, haben sie sehr geschickt ein Vorgehen gewählt, das nicht vor den Kopf stößt. Das Lachen soll im Halse stecken bleiben. So konfrontieren sie uns mit unserer bewussten und unbewussten Mitschuld an der Klimakatastrophe und dem Ersticken im Abfall in absurd anmutenden Szenen.
 
Aus der leeren Bühnenfläche entsteht innerhalb kurzer Zeit eine Müllhalde, dazu wird ironisch-humorvoll von den Unarten unserer Welt gesprochen. Der traurigste Witz beginnt mit einem Fisch, der Mikroplastik gefressen hat und in der Gourmetküche landet, mit vom Aussterben bedrohten Affen, mit einem Eisbär, der auf einer Müllscholle influenzt, mit Kindern, die Klimakatastrophen nachspielen, während Erwachsene meinen, im SUV Bedeutung erlangen zu können. Das alles wird in furios ausgeführten Bewegungen im Müll bildstark und akustisch angereichert von vorantreibender Musik und von Geräuschen auf dem Boden vor Augen geführt. Eine Anglerin fängt einen Fisch (ein Mädchen an der Angel zappelt), und hat eine Pfandflasche im Hals. Kommentar: „Aktiver Umweltschutz!“
​
Unter dem Rückvorhang stürzen wilde Tiere hervor, schreien, jagen umher und wühlen im Dreck. Stille Unterbrechungen machen klar: Tiere sterben aus, der Schokoladebedarf fördert den Sojaanbau und vernichtet Lebensraum. Der jugendliche Idealismus verrät auch Lösungsansätze: Bildung und weniger Armut! Die Rinderhaltung provoziert klimaschädliche Gase. In einer Diskussionsrunde werden Für und Wider ausgetauscht. Und sogleich haben wir wieder etwas zum Lachen und können geradezu mitschunkeln zum Kinderschlager von der „Kuh Mathilde“, die mit ihrem dicken Hinterteil abtritt und heute nur noch den Namen „Nummer 472“ trägt. Waldbrände, Überschwemmungen und Tornados überziehen diverse Länder. Das belegen in Bildprojektionen unbändige Kräfte, die sich austoben. Und der Eisbär in seiner Pelzjacke, der letzte seiner Art, landet im Müll.. Ja, und das muss auch noch gesagt werden mit Hilfe eines pinken Spielauto: SUV-Luxusgefährt mit hohem Spritverbrauch. Das langsame Wachsen des Bewusstseins beim Klimawandel steht dazu im Kontrast. Mit dem Fanal „Die jungen Leute retten die Welt. Lasst uns einfach mal ausrasten!“ setzen die Jugendlichen in exzellent ausgeführter Tanzformation einen bewegten Schlusspunkt, um gemeinsam uns entgegenzurufen: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet und der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“ Einem Schlussplädoyer und einem Gegenplädoyer folgt lakonisch der Aufruf „Alexa, Licht aus!“
 
Der Blick in den Spiegel war deprimierend und konnte nur ausgehalten werden, weil die Jugendlichen mit Humor, Sarkasmus, Ironie und Komik die Tragik unseres Daseins aufzeigten. Dadurch bekam der gewählte Titel seine Berechtigung. Überlegungen zu Lösungen blieben dennoch nicht unerwähnt. Hoffnung bleibt.
Epidemische Verwandlungen
„Warum sollte jemand ein Nashorn werden wollen?“ - nach Eugène Ionesco
​Staatliche Realschule Zusmarshausen unter Leitung von Ulli Bielek und Petra Engelhardt
Was uns erwartet: Der Herdentrieb der Masse Mensch satirisch dargestellt vor dem Hereinbrechen des Unfassbaren. Die Gruppe hat Ionescos absurdes Theaterstück für die eigenen Möglichkeiten und Sichtweisen bearbeitet und spielbar gemacht.
 
Eine lockere Zusammenkunft einer Gruppe von Menschen empfängt Beringer und rügt ihn wegen seiner Unpünktlichkeit. Da bricht auf der Projektionsleinwand ein wild gewordenes Nashorn herein und galoppiert Furcht erregend voran. Die Gesellschaft scheint dies nicht sonderlich zu beunruhigen. Gemeinsam sprechen sie über Nashörner, über Beziehung von Tier zu Mensch und tauschen Redewendungen mit von Lebenshilfe angereicherter Anmutung aus. Im Halbkreis gehen sie über in szenisches Lesen eines Teils des Stückes und antworten chorisch auf das Erscheinen: „O, ein Nashorn!“ Nun wird auf den Schulhof geschaltet, wo zwei Kinder sich zum Unerwarteten äußern. Beringer bleibt gelassen in seiner Runde. Zwei Mädchen unterhalten sich über Belanglosigkeiten, bis sie sich plötzlich anschreien. Andere Personen stampfen wie wild geworden über die Bühne und reißen dadurch die weiße Wand aus gestapelten Pappsitzhockern ein. Der Vorfall animiert zu diskutieren, warum ein Mensch ein Nashorn werden sollte. Ja, klar: „Weil ich anders bin als die anderen, weil ich besser bin als alle anderen Tiere, dann hat jeder Angst vor mir.“ Das wilde Stampfen nimmt an Intensität zu, bis die wieder errichtete Wand erneut zu Bruch geht. Chaos. Auf breiter Front haben die epidemischen Verwandlungen um sich gegriffen und jegliche Individualität verschwinden lassen. Gitarrenklänge wirken nun beruhigend. Die noch nicht verwandelte Daisy gesteht, den Nashörnern Sympathien entgegenzubringen. Daraufhin rastet Beringer aus und ohrfeigt sie trotz der zarten Liebesbande. Er kann sie nicht zurückholen und muss sich eingestehen: „Ich bin der letzte Mensch und werde es bleiben bis zum Schluss.“
 
Aus der makabren Komödie hat die temperamentvoll agierende Gruppe eine reizvolle Kurzform erarbeitet. Ein Gleichnis zur Uniformierung menschlichen Lebens ist mit Hilfe der Tierfabel entstanden, die Massenwahn und Anpassung beklagt. Nur schade, dass das Absurde in den Verwandlungen nicht sichtbar wurde (außer dem Stampfen über die Bühne). Das Nashorn war lediglich auf der Leinwand präsent und dem Bühnengeschehen entrückt.
Weiterhin kamen folgende Stücke zur Aufführung:
„William von Wittchenschnee“ - Eigenproduktion / Staatliche Realschule Peißenberg unter Leitung von Stefanie Meier
 
„Need a Hero“ - von Julia Scharfenstein / Edith-Stein-Realschule Schillingsfürst unter Leitung von Christina Wehner
 
„Justice!?“ Eigenproduktion / Johann-Pachelbel-Realschule Nürnberg unter Leitung von Wolfgang Gaßner und Anika Walter
 
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