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68. Theatertage der bayerischen Gymnasien
22. bis 25. Juli 2026
Chiemgau-Gymnasium Traunstein
 
Um einen Eindruck von der Veranstaltung zu vermitteln, in der sieben Produktionen von jeweils 60 Minuten gezeigt wurden, habe ich mich auf drei Beschreibungen beschränkt.
Götterglanz und Menschenlumpen
 
„Portrait des Planeten“ nach Friedrich Dürrenmatt / Oberstufentheatergruppe des Hans-Leinberger-Gymnasiums Landshut unter Leitung von Elisabeth Hübner
 
„Die Sonne tönt nach alter Weise in Brudersphären Wettgesang. Und ihre vorgeschriebne Reise vollendet sie mit Donnergang ….“. Mit diesen Worten beginnt die Aufführung. Nein! An „Faust“ hat sich die Gruppe nicht herangewagt. In einer Stunde wär's auch wirklich ein Wagnis.
 
So aber wird dem Publikum schnell durch das ungewöhnliche Outfit des Sprechenden klar, dass die hehren Worte einer gewissen Komikwirkung dienen. Vier Gestalten in grell-bunten Paradiesvogelbekleidungen stehen in den Ecken der Arenaspielfläche: rosa Tüll, farbenfreudige Mäntel, schräge Accessoires, ja sogar ein glitzernder Strahlenkranz auf dem Kopf. Unter unheimlichem Urgrollen, Heulen und bei flackerndem Licht wollen die vier karnevalesk auftretenden Götter eine neue Erde erschaffen, sie beleben. Sie sei doch langweilig leer. Und schon gehen sie mit dem Hexeneinmaleins ans Werk. In blauem Dämmerlicht robben amöbenartige Lebewesen herein, erhalten nach und nach Lebendigkeit, räkeln sich, finden langsam zueinander und vereinigen sich zu einem wabernden Klumpen. Die Götter geben dazu - es soll ja nicht langweilig werden - sanfte Klavierklänge mit auf den Weg der Menschwerdung. Damit sind die vier Götter noch nicht zufrieden: „Sind das intelligente Wesen?“ Sogleich wird dem Klumpen Leben eingehaucht, und von Bewegungslust begeisterte Menschen füllen die Spielfläche, das Erdenrund. Das wiederum ist den Göttern zu viel Harmonie, sie wollen Hass und Groll, und zum harten Beat marschieren die Menschen roboterartig im Karree, Richtungswechsel geraten eckig-aggressiv. Sie bekommen damit den Blick frei in die Ferne nach allen Seiten und verschwinden, um kurz darauf bei beängstigenden Klängen wieder hereinzustürmen. Jetzt machen sich die Götter Gedanken über menschliche Beschwerden, Schmerzen, über bedenklichen Lebenswandel und über gewünschte gesunde Ernährung. Die Menschen laufen auf im Schlagstockrhythmus und skandieren: „Wir sind das Volk!“ Da ist es doch besser, ihm zu spielerischem (amourösem?) Zeitvertreib rote Luftballons zu überlassen, die dann dem Publikum übergeben werden. Es wird animiert aufzustehen und somit ein Zeichen zu geben, dass das Schicksal in unser aller Hände liegt. Ja, und das haben die Götter nicht vergessen: Die Menschen müssen auch ernährt werden. In einer Gasse auf schräg über die Bühne aufgestellten Hockern nehmen die Hungrigen jeweils einander gegenüber sitzend Platz und werden göttlich bedient. In einer langen Zeremonie über das Verteilen von Porzellanschälchen, darin klappernden Löffeln, raschelnden Cornflakes und einem Schuss Milch wird das Urbedürfnis bescheiden gefeiert. Die zehn Personen essen individuell unterschiedlich, mit lautem „Fertig!“ geben sie das Geschirr in die Hände des Publikums und verlassen das Mahl. Ein enttäuschtes Schöpferresümee folgt: „Endlich Ruhe! Aber haben wir richtig gehandelt? Man kann die Menschen nicht retten, ihnen ist nicht mehr zu helfen. Das müssen sie schon selber tun. Feierabend!“
 
Betretene Stille breitet sich aus. Im Dämmerlicht und begleitet von fernen Klängen bewegen sich die Menschen langsam rückwärts gehend auf die Spielfläche zurück, weichen aus, finden aber zunehmend zueinander und bilden ein Armgeflecht. Wir müssen schon selber unser Schicksal in die Hand nehmen. So wäre immerhin ein hoffnungsvoller Anfang gemacht.
 
Die Gruppe hat nach der Vorlage von Dürrenmatt ein eigenes Stück gebaut, Szenen entworfen, sparsame Dialoge gefunden und es kraftvoll durch Körpereinsatz bebildert. Sie nahm sich ein ernstes Thema vor, aber ging an die Umsetzung mit leichter Hand und zwinkernden Augen. Besonders gelungen war die variantenreiche Kostümierung, nicht nur die der Götter. Die überstrapazierte Optik aus Schwarz und Jeans-Blau fand hier wohltuende Lösungen, bei der sich die Schülerinnen und Schüler kreativ und unaufwändig in Erdtönen kleideten. Alle Bewegungen waren bewusst gesetzt und vielfach choreografisch strukturiert. Die Arenaspielfläche ermöglichte dem Publikum eine Nähe zum Geschehen von existenzieller Bedeutung.  
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Schwarze Milch
 
„Die Ermittlung“ nach Peter Weiss / Oberstufentheatergruppe des Dientzenhofer-Gymnasiums Bamberg unter Leitung von Dominik Stoecker
 
Schwarzer Tanzboden von abgehängten punktuell strahlenden Lampen spärlich beleuchtet und ein hoch aufragender dunkler Kubus als Mahnmal, als schwarze Wand, als letzter Halt, als Orientierungsort im Nichts, als Klagemauer lösen Bedrückung aus, die das Publikum (nah am Geschehen sitzend) erreicht. Das Stück von Peter Weiss thematisiert den ersten Frankfurter Auschwitzprozess von 1963 bis 1965, und die Theatergruppe orientierte sich in ihrer theatralen Durchdringung an den entstandenen Protokollen. Auf dem Weg der Opfer von der Rampe bis hin zu den Feueröfen kommen im Wechsel auch Angeklagte vor Gericht zu Wort.
 
Die neun Jugendlichen sind weiß gekleidet. Weiß als Verlust der Individualität, aber auch als Ausdruck der wahrhaftigen und eingeklagten Unschuld, da sie ja auch ständig in ihrem Spiel die Seiten wechseln. Einzeln und auch chorisch äußern sich die Angeklagten. Sie bestreiten, verharmlosen, waren nicht zuständig, waren gezwungen, sie wussten nichts, führten nur Befehle aus, auch um nicht selbst zu Schaden zu kommen. Es sei nur zu kleinen Gewalttaten gekommen, Schläge nicht mit der Hand, sondern mit einem Stock. Und im Chor wird bekräftigt: „Verleumdung, Herr Vorsitzender!“ Fleisch könne zudem ja gar nicht brennen. Alle bewegen sich zu zerhackten Klängen um den in der Mitte stehenden Kubus. Bewegungen der Abwehr, des sich Herauswindens. Nach dem Ankommen der Menschen in den Zügen wurden Frauen und Kinder von den Männern getrennt, letzte Worte wurden ausgetauscht, bevor es zum „Baden“ ging. Und auf die Nachfrage des Richters nach Gewaltanwendung wurden lediglich Stockschläge zugegeben. Kranke fanden ohnehin schnell den Tod. Zu harten, rhythmischen Klängen drehen sich die Jugendlichen, verschieben den schwarzen Kubus und sind jetzt Opfer. Sie setzen sich paarweise auf den Boden, im Schoß des anderen bewegen sie zärtlich dessen/deren Arme und wechseln die Sitzpositionen. Eine stille, anrührende Pietá-Darstellung. Lichtwechsel, ein Paar tanzt innig umschlungen, Gesten der Zuneigung werden ausgetauscht, weitere Paare tanzen. Erneuter Lichtwechsel. In diagonaler Aufstellung aller hintereinander gerät die Reihe in sanftes Schwanken. Sie finden in innigem Umarmen zu einem Pulk zusammen. Nach erneutem verschieben des Kubus tragen sie einzeln und gemeinsam Paul Celans „Todesfuge“ vor. Der Kubus wechselt erneut seinen Standort zum Gesang von den Feueröfen. Vier eigenartige, tänzerische Bewegungsabläufe erinnern an fliegende Wesen oder aber an fordernde Absichten und lassen die Angeklagten wissen, dass sie von den mit Menschen beladenen Zügen wussten. In trostloser Haltung wird der Kubus umkreist. Ein Angeklagter erinnert das Gericht an seine erbrachte Leistung für das Land. Er habe, obwohl es schwer gewesen sei, seine Schuldigkeit getan. Die Vorwärts-Rückwärtsbewegungen aller kommentieren auf ihre eigene Weise. Ein Mann rief dem Wachmann zu: „Es wird euch nichts geschenkt!“ Und in schrecklicher Ironie endet das Stück: „Jeder hatte die Chance zu überleben.“
 
Es ist ein großes Verdienst der Gruppe und ihres Spielleiters, sich einem schwierigen Bereich der Vergangenheitsbewältigung gestellt zu haben. Dabei hat sich die Gruppe erzählend, spielend und bewegend einem ständigen Wechselspiel zwischen Opfern und Tätern ausgesetzt. Ihre Bewegungssprache blieb hoch ästhetisch und hatte (wenn auch anders erwartbar) keine Brüche. Womöglich erfuhr dadurch die Fallhöhe in der Wirkung von Verharmlosung, Lügen, Verdrängung, Verdrehung und Widersprüchen eine spürbare Steigerung.
Vom Funkenflug zum Flächenbrand
 
„Der Funke“ / Unter- und Mittelstufenensemble des Eichendorff-Gymnasiums Bamberg unter Leitung von Eva Fauth
 
In der Arenaspielfläche finden sich die Schülerinnen und Schüler ein, öffnen kleine rote Päckchen, lesen auf dem Papier, sind erschrocken und gehen ab. Aus dem Lautsprecher erfährt das Publikum in einem Dialog zwischen Mutter und Tochter etwas kryptisch von einem Pakt mit dem Teufel aus geschichtlicher Vergangenheit.
 
Nach diesem Prolog werden wir in eine Waldlagerfeuerromantik versetzt. Die vorher gelesenen Papiere landen zerknüllt im Feuer (Knistern aus dem Lautsprecher), Stockbrot wird in den Flammen knusprig, eine Waldeule ruft, eine Sternschnuppe streift den Himmel, Brandschmerz durch mangelnde Vorsicht und plötzlich ein Krähenschrei, der sofort großes Entsetzen auslöst. Das ist das Fanal für den ersten Hexenauftritt mit geschichtlichem Rekurs ins Mittelalter. Allgegenwärtige Bedrohungslage: Wer wird als nächster fallen? Ein Funke wirkt schneller als man denkt. Diskussionen über Glauben und Wissenschaft, über Arbeitserfahrungen, Austausch über Freundschaft und Familie. Die Hexen propagieren, gut und bodenständig zu leben, Integration hat seine Grenzen, das Leben ist nicht gerecht, warum sollten wir es sein? Im roten Scheinwerferlicht beginnt ein Rückblick auf die historisch belegten Schicksale der beiden als Hexen in Bamberg verbrannten Frauen Dorothea Flock und Margarethe Eder. Am Lagerfeuer erfolgt die Zuordnung zu unterschiedlichen Gruppen der Freizeitgestaltung, und eine Außenseiterin steht gegen die Allgemeinheit. Wegen angeblicher Unzucht und feindlichem Kontakt wird Dorothea ins Feuer gezwungen. Harter Schwenk ins Heute mit Berichten über Cyber-Sadisten, Mord auf offener Straße, Femizide und Attentate. In Bamberg ordnete damals der Bürgermeister Folter, Daumenschrauben und andere Grässlichkeiten an, um Beschuldigungen zugeben zu lassen. Was nicht alles am Lagerfeuer lebendig wurde! Und immer wieder ist es ein Funke, der Schwerwiegendes auslöst. Die Kinder sind müde geworden, werfen die letzten Zettel mit den Informationen ins Feuer und legen sich zum Schlafen. Ein Mädchen stimmt den Cohen-Song „Who by fire“ an, der dann aus dem Lautsprecher dröhnt.
 
Die Lagerfeuerfreizeit animierte die Jugendlichen über Gott und die Welt nachzudenken. Sie taten dies offen und ehrlich, so dass sie eigene Lebensweisen, Zeiterscheinungen und Umgang miteinander kritisch hinterfragten und dadurch auf historische Parallelen aus der Stadtgeschichte stießen. Einigermaßen ernüchternd kamen sie zur Erkenntnis, dass heute wie einstmals ein Funke ausreicht, um Menschen auszugrenzen, ihnen Unrecht zu tun, sie abzuurteilen und schlimmstenfalls ihr Leben zu zerstören. Die Örtlichkeit für diese theatrale Auseinandersetzung war geradezu angetan zu dieser Bestandsaufnahme. Der Blick ins nächtliche Feuer beförderte den Zusammenhalt in der Gemeinschaft und bot die notwendige Atmosphäre, gedanklich nicht an der Oberfläche zu bleiben. Aus einem Funkenflug kann schnell ein Flächenbrand entstehen.
 
Erstaunlich vielfältige theatrale Mittel kamen zum Einsatz: Arenaspielfläche, Geräusche, Lautsprechereinsatz, klare Lichtgestaltung, sparsame (umso wirkungsvollere) Musik und ein präsentes, dennoch nicht brennendes Lagerfeuer.
Weiterhin kamen folgende Stücke zur Aufführung:
 
„Nichts – was im Leben wichtig ist“ nach dem Roman „Nichts“ von Janne Teller / Mittelstufentheatergruppe des Riemenschneider-Gymnasiums Würzburg unter Leitung von Theresa Funke
 
„Raus mit der Sprache“ nach dem Gedicht „Was ein Kind gesagt bekommt“ von Bertolt Brecht /Theaterklasse des Holbein-Gymnasiums Augsburg unter Leitung von Simone Munding
 
„Art Is a Losing Game“ nach Biographien der Bildhauerin Camille Claudel und der Sängerin Amy Winehouse / Profilkurs Theater 10. bis 12. Klassen des Christian-Ernst-Gymnasiums Erlangen unter Leitung von Ursula Ittner
 
„Die unendliche Geschichte“ nach dem Roman von Michael Ende / Mittel- und Oberstufe des Gymnasiums Ottobrunn unter Leitung von Elke Clemens
 
 
Texte: Wolfram Brüninghaus
Fotos: Stefan Schuch

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