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13. Theatertage der Beruflichen Oberschulen in Bayern
20. - 22. März 2026 in Schweinfurt
Texte: Wolfram Brüninghaus
 
Um einen Eindruck von der Veranstaltung zu erhalten, in der fünf Produktionen von jeweils rund 30 Minuten Dauer gezeigt wurden, habe ich mich auf drei Beschreibungen beschränkt.

​Menetekel von Ort zu Ort


​„A.“ - nach „Andorra“ von Max Frisch
FOSBOS Schweinfurt unter Leitung von Valeria Ruf und Friedemann Müller
Max Frisch's Lehrstück über Judenhass und Ausgrenzung ist aktueller denn je und wohl dauerhafte Mahnung an das Publikum. Da legen die Jugendlichen darauf Wert, Diffamierung und Verletzung in einer so toleranten, aufgeklärten Welt theatral in unterschiedlichen Räumen ihres Schulhauses zu beleuchten. Zugleich ist ihnen und uns klar, dass andorranische Räume vor allem auch außerhalb des Gebäudes existieren.
 
Der „Rundgang“ beginnt in der Turnhalle. Das Publikum sitzt arenaartig um die Spielfläche herum, auf der sogleich salbungsvoll dem Staat Andorra gehuldigt und gleich im Marschrhythmus das Hohelied einer Nationalhymne geschmettert wird. Uniformiert in weiße T-Shirts mit einem großen A auf der Brust gekleidet sind die Spielerinnen und Spieler. Plötzlich werden am Publikum Kontrolluntersuchungen an Augen und Mundhöhle vorgenommen und mit einem A.-Sticker beglaubigt. Huldigungsreden  weisen auf eine rosige Zukunft Andorras hin. Schnell wird klar: Da stimmt doch etwas nicht. Danach folgt die Aufteilung des Publikums in vier Gruppen, um in unterschiedlichen Räumen des Gebäudes zeitgleich Fragmente des Stücks aus nächster Nähe erleben zu können: Duschraum, Chemiesaal,Treppenhaus und Gang. Schlaglichtartig werden Szenen aus dem Gesamtgeschehen beleuchtet und bieten eine Inhaltsstruktur.
 
So gibt es eine intime Begegnung zwischen Andri und Barblin in der Dusche. Im hohen Treppenhaus wird militärischer Drill exerziert und mit schneidigen Andorra-Rufen bestärkt.
​
Der kleine Chemiesaal ist das passende Ambiente für die Schlüsselszene, in der Andri durch seinen Tischlerlehrmeister gedemütigt wird. Andri ist stolz auf seine Lehrlingsprobe, doch der Meister ordnet Andris perfekte Arbeit ungerechterweise der misslungenen des Gesellen zu. Bedrückend dominant steht der Meister auf dem Experimentiertisch, sieht auf Andri herab und bleibt unerbittlich bei seinem Vorurteil. Wie diese dominante Rolle ein eher zerbrechliches Mädchen spielt, wie es streng in klarer Artikulation auf seiner Entscheidung beharrt, ist schon ein Glanzpunkt schauspielerischen Könnens. Abtritt, die Tür schlägt zu.
 
Schließlich kommen alle wieder in der Turnhalle zusammen. Ein Zeitsprung, abermaliges Singen der Hymne. Dem folgt ein Eingeständnis einer gewissen Schuld und Rechtfertigungen für gemeinsames Handeln: „Man darf auch mal vergessen!“ Dieses Verdrängen ist leider hinlänglich bekannt. Die Gruppe setzt zum Schluss ein optisches Bekenntnis ihrer persönlichen Position: Die weißen Andorra-T-Shirts werden gegen schwarze mit dem Schriftzug „Mensch“ ausgetauscht.
 
In dieser dem Festival entsprechend kompakten Form wurde das Stück zu einem Menetekel vor den Folgen von Ausgrenzung, Intoleranz und Vorurteilen. Die gewählte Form verstärkte nachdrücklich das drängende Anliegen der Jugendlichen, eigene Erkenntnisse und Überzeugungen dem Publikum aufzuzeigen. Ganz nah.

 
 
Berstende Innenansichten
 
„Innere Stimme[n]“ / FOS II Nürnberg unter Leitung von Daniel Behringer und Marzena Parusel-Distler
Fotos: Michaela Müller-Unterweger
Ein gewagtes Projekt! Was passiert, wenn wir unsere inneren Stimmen einmal freilassen? Und noch viel wichtiger: Kriegen wir sie wieder gebändigt? So stimmt die Gruppe im Programmheft auf das zu Erwartende ein.
 
Das Publikum sitzt an vier Seiten um die Spielfläche herum, auf der die Gruppe in Schwarz gekleidet, aber mit farbigen Markierungen im Gesicht und auf den Armen nach und nach erscheint. Bei roter Beleuchtung fotografieren sich die Spielerinnen und Spieler in den aberwitzigsten Positionen und Verrenkungen. Getrieben, immer noch eine vertrackte Pose mehr und noch eine und noch eine, bis das Handy glüht. Schließlich ist eine quadratische Formation gefunden, in der sich alle zum Publikum gewendet bei wummernder Musik bewegen. Dies geschieht vom Rhythmus angetrieben immer exzessiver. Nun hat sich die Formation zu einem Pulk in der Mitte der Bühne verwandelt. Hier werden nun innere Einstellungen individuell unterschiedlich dem Publikum mitgeteilt: „Ich bin wertvoll, ich liebe mich selbst, ich bin gesund, bin mutig, ich liebe, ich vergebe mir, ich tue alles für mein Glück, bin einzigartig und ich habe Vertrauen in mich.“ Ehrliche Einblicke. Zu einer Mikrostimme bewegen sich alle energiegeladen, sprechen über eine Kraftprobe, immer lauter, bis alle zusammenfallen und schwer atmen. Mühsames Räkeln und Aufstehen. Ein Mädchen ist die Letzte. „Ich will gut sein.“ Zu ihr sprechen die übrigen: „Willst du gut sein, wirst du ausgelacht.“ Stimmen aus dem Off animieren die Gruppe zu  assoziativem Vollzug, woran sich abermaliges Fotografieren anschließt, klar, denn auch das muss festgehalten werden. Die Frage nach der Bedeutsamkeit bleibt unbeantwortet. Nach und nach gehen alle durchs Publikum ab, nur ein Junge verharrt reglos in der Mitte. Laute, treibende Musik bringt alle wieder zurück. Sie tragen schwarze Halbmasken und schießen erneut Selfies in verrenkten Posen. Rücken an Rücken bilden sie einen Pulk, das Wummern aus den Lautsprechern verstummt, die Scheinwerfer gehen aus, und das Publikum ist begeistert von der überbordend energiegeladenen Szenenabfolge.
 
In dieser Kurzform gelang der Gruppe eine schlüssige Auseinandersetzung mit ihren Gefühlen, die sich mitunter in heftigen Eruptionen artikulierten, die umtrieben, lähmten und auch Selbstzweifeln Raum gaben. Die ungewöhnliche Kraft der Aufführung lag in ihren Bildern und Klängen, die innere Stimmen hör- und versteh-, aber (und das war das Besondere) auch sichtbar werden ließen.
 
 
Hymnen an die Nacht
 
„n∞s“ (nachts)
Staatliche BOS Nürnberg unter Leitung von Nina Wagner-Obenauf und Sabrina Lein

 
Ja, nachts ist alles anders. Zwischenwelten zu erkunden, nahm sich die kleine Spielgruppe vor. Zwischenwelten stellten für sie die Momente dar, die Schlaf, Wachsein und Träumen in einen Schwebezustand versetzen. Sie erforschten szenisch das Ringen um Ruhe, das Hadern um Kontrollverlust und die Sehnsucht nach Stille. Vier Tische mit weißem Tüll bedeckt begrenzen die quadratische Spielfläche, auf der weiße Papphocker und mehrere Bodenlampen verteilt sind. Hier durfte auch ein Teil des Publikums Platz nehmen. Vier Mitwirkende (weiß gekleidet) kommen nach innen, knipsen die Bodenlampen an (Nachtbeleuchtung) und setzen sich auf frei gebliebene Hocker. Musik  mit mitternächtlichen Glockenschlägen wird immer rhythmischer und lässt das Vergehen der Zeit assoziieren. Die Vier bringen sich in Bewegung und legen sich auf die „Tüllliegen“.  Nach und nach rezitieren sie Eichendorff's romantische Hymne „Mondnacht“. Die Melodie von Robert Schumann ist sofort im Ohr und muss nicht dazu erklingen, um den nächtlichen Zauber erlebbar werden zu lassen. Das Nachtgebet ist somit gesprochen. Die Vier irrlichtern mit ihren Taschenlampen unter dem Tüll, räkeln sich, drehen und wälzen sich. Traum? Zwischenzustand? Innere Unruhe der ersten Einschlafphase? Die Nacht beginnt. Das Mädchen wacht auf und spricht somnambul poetische Zeilen von Novalis' „Hymnen an die Nacht“, die ewige Dauer des Schlafs. Die anderen stimmen ein und sprechen gemeinsam. Ein Junge in der Mitte erscheint und wird aufmerksam taxiert. Musik nimmt erneut Fahrt auf und lässt die Vier wieder zur Ruhe kommen. Abermals zu Worten von Novalis. Sie nehmen den Tüll und treten ab. Der letzte Junge lässt sich aus über die Wirkung seiner Träume. Summen aus dem Lautsprecher, die Bodenlampen werden ausgeknipst, die Vier setzen sich auf ihre Tische, die mit Tüll verhüllten Oberkörper gesenkt, und verharren wie skulpturale Traumwesen, bis das Licht langsam verlöscht.
 
Die halbe Stunde war ein wohliges Eintauchen in die Sanftheit von Schlaf und Traum, war eine Begegnung mit einem Kernthema der Romantik und vermied, sich den Angst einflößenden, in Panik versetzenden und Beklemmung auslösenden Albträumen zuzuwenden. Eine halbe Stunde von klanglicher, inhaltlicher und bildreicher Einheitlichkeit. Bildstark war die Nähe von Schlaf und Tod (des Schlafes Bruder) erkennbar. In der Antike waren Hypnos und Thanatos nicht von ungefähr Brüder. Die Wirkung der weißen Tülltücher gab dazu den passenden Bildkommentar ab.
 
 
Weitere Aufführungen des Festivals: 
 
„Ein Sommernachtsbaum“ / sehr frei basierend auf William Shakespeare's „Sommernachtstraum“ / FOSBOS Weiden unter Leitung von Kristin Stahl-Grüneich und David Steeger
 
„36000 Sekunden“ von Julia Gastel / FOSBOS Traunstein unter Leitung von Franziska Klaus
 
„Schattenwelten“ frei nach Hans Christian Andersen / Private FOS Fränkische Schweiz unter Leitung von Brit L'hoest
 
„Die Welle“ nach „The Wave“ von Morton Rhue / FOSBOS Rosenheim unter Leitung von Susanne Braune
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