Theatertage der Beruflichen Oberschulen Bayerns
Bericht von Wolfram Brüninghaus - Fotos: Cosima Wittenzeller
Die 12. Theatertage der Beruflichen Oberschulen Bayerns fanden vom 4. bis 6.4.2025 in Schwandorf statt.
Um einen Eindruck zu gewinnen, wird hier über zwei Aufführungen berichtet, die Aufsehen erregten und aufhören ließen. Unter der Vorgabe, die Präsentationen jeweils nicht 30 Minuten überschreiten zu lassen, beteiligten sich folgende zehn Schulen:
FOS/BOS Aschaffenburg - „Les Miserables“
FOS/BOS Coburg - „Hamlet und die alten Männer“
FOS/BOS Erding - „Bluthochzeit“
FOS II Nürnberg - „Schattenseiten“
BOS Nürnberg - „Erwartungen“
FOS/BOS Passau - „Secret Garden“
FOS/BOS Rosenheim - „Guten Rutsch“
FOS/BOS Schwandorf - „Unsere Erde“
FOS/BOS Schweinfurt - „Wasser“
FOS/BOS Weiden - „Die deutschen Kleinstädter“
Nasse Angelegenheit
„Wasser“ von Katrin Röggla, FOS/BOS Schweinfurt unter Leitung von Valeria Ruf und Frido Müller
Wasserrauschen durchdringt die Aula. Und verteilt im Publikum machen sich die acht Jugendlichen auf die Suche nach Jona und dem Wal, dem Synonym für Rettung. Schließlich stehen sie in gelben Regenmänteln auf der Bühne, und ein Mädchen spricht klar artikuliert von Wasserfluten: „Das Wasser steigt, es fällt in unvorstellbaren Mengen, flutet, versickert, verdampft. Es spült, überspült, reißt mit sich. Lebensquelle und Untergang....“.
Alle tauchen ihre Hände und Köpfe in vor sich stehende gefüllte Eimer, drücken Schwämme aus und lassen es plätschern. Der Hauptakteur des Stücks ist somit ganz nah, intensiv spürbar und durchdringt das Geschehen auf der Bühne. „Wir hätten es wissen müssen!“, solche Ereignisse werden immer noch als Naturkatastrophen bezeichnet. Wäre es doch redlicher, vom eigentlichen Verursacher zu sprechen. Der Streit über zufriedenstellende Hilfsmaßnahmen, über fehlende Vorwarnungen der Wissenschaftler und mangelhaftes Notmanagement ist entbrannt. Die Frage „Sind wir für die Klimakatastrophe allein verantwortlich?“ setzen sie in einer kontemplativen Kreisbewegung in den Raum und leeren die Eimer in eine große Wanne. Beschuldigungen gegen die Feuerwehr und auch Rechtfertigungen für deren Tun, aber ebenso Horrorszenarien von Betroffenen, wie „Da steht plötzlich ein Fluss vor meinem Wohnzimmer“ lenken den Blick auf die involvierten Menschen in ihrem Handlungsdruck und ihrem Betroffensein. Die Gruppe findet dafür ein beeindruckendes Bewegungsbild, in dem sie über die Bühne hetzen, Eimer verteilen, sie immer wieder mit Wasser befüllen und in andere Eimer umfüllen. Zum Schluss nehmen sie die Kapuzen ihrer Mäntel ab, knien vor den Eimern, nehmen die darin liegenden Schwämme auf, drücken sie aus und sprechen zum Wassergeräusch über drohende Meeresfluten. Die Zeit des Redens ist vorbei. Damit beenden die Jugendlichen den Teileinblick in ihre Textauseinandersetzung, mit der sie den Appell zu dringendem Handeln auf ihre ganz eigene Weise ins Publikum getragen haben.
Die Arbeit an dem Text mit künstlerisch-literarischem Anspruch zeitigte schlaglichtartige Szenen von performativem Charakter mit bildintensiver und zwingender akustischer Durchdringung. Das leuchtende Gelb der Mäntel wies reizvoll auf das verhandelte Element, vertrieb jedoch auch jegliche Düsternis und weitete den Blick auf eine Hoffnungsperspektive, die die Menschheit trotz aller Bedenken noch hat. Jona müsste gefunden werden!
Bericht von Wolfram Brüninghaus - Fotos: Cosima Wittenzeller
Die 12. Theatertage der Beruflichen Oberschulen Bayerns fanden vom 4. bis 6.4.2025 in Schwandorf statt.
Um einen Eindruck zu gewinnen, wird hier über zwei Aufführungen berichtet, die Aufsehen erregten und aufhören ließen. Unter der Vorgabe, die Präsentationen jeweils nicht 30 Minuten überschreiten zu lassen, beteiligten sich folgende zehn Schulen:
FOS/BOS Aschaffenburg - „Les Miserables“
FOS/BOS Coburg - „Hamlet und die alten Männer“
FOS/BOS Erding - „Bluthochzeit“
FOS II Nürnberg - „Schattenseiten“
BOS Nürnberg - „Erwartungen“
FOS/BOS Passau - „Secret Garden“
FOS/BOS Rosenheim - „Guten Rutsch“
FOS/BOS Schwandorf - „Unsere Erde“
FOS/BOS Schweinfurt - „Wasser“
FOS/BOS Weiden - „Die deutschen Kleinstädter“
Nasse Angelegenheit
„Wasser“ von Katrin Röggla, FOS/BOS Schweinfurt unter Leitung von Valeria Ruf und Frido Müller
Wasserrauschen durchdringt die Aula. Und verteilt im Publikum machen sich die acht Jugendlichen auf die Suche nach Jona und dem Wal, dem Synonym für Rettung. Schließlich stehen sie in gelben Regenmänteln auf der Bühne, und ein Mädchen spricht klar artikuliert von Wasserfluten: „Das Wasser steigt, es fällt in unvorstellbaren Mengen, flutet, versickert, verdampft. Es spült, überspült, reißt mit sich. Lebensquelle und Untergang....“.
Alle tauchen ihre Hände und Köpfe in vor sich stehende gefüllte Eimer, drücken Schwämme aus und lassen es plätschern. Der Hauptakteur des Stücks ist somit ganz nah, intensiv spürbar und durchdringt das Geschehen auf der Bühne. „Wir hätten es wissen müssen!“, solche Ereignisse werden immer noch als Naturkatastrophen bezeichnet. Wäre es doch redlicher, vom eigentlichen Verursacher zu sprechen. Der Streit über zufriedenstellende Hilfsmaßnahmen, über fehlende Vorwarnungen der Wissenschaftler und mangelhaftes Notmanagement ist entbrannt. Die Frage „Sind wir für die Klimakatastrophe allein verantwortlich?“ setzen sie in einer kontemplativen Kreisbewegung in den Raum und leeren die Eimer in eine große Wanne. Beschuldigungen gegen die Feuerwehr und auch Rechtfertigungen für deren Tun, aber ebenso Horrorszenarien von Betroffenen, wie „Da steht plötzlich ein Fluss vor meinem Wohnzimmer“ lenken den Blick auf die involvierten Menschen in ihrem Handlungsdruck und ihrem Betroffensein. Die Gruppe findet dafür ein beeindruckendes Bewegungsbild, in dem sie über die Bühne hetzen, Eimer verteilen, sie immer wieder mit Wasser befüllen und in andere Eimer umfüllen. Zum Schluss nehmen sie die Kapuzen ihrer Mäntel ab, knien vor den Eimern, nehmen die darin liegenden Schwämme auf, drücken sie aus und sprechen zum Wassergeräusch über drohende Meeresfluten. Die Zeit des Redens ist vorbei. Damit beenden die Jugendlichen den Teileinblick in ihre Textauseinandersetzung, mit der sie den Appell zu dringendem Handeln auf ihre ganz eigene Weise ins Publikum getragen haben.
Die Arbeit an dem Text mit künstlerisch-literarischem Anspruch zeitigte schlaglichtartige Szenen von performativem Charakter mit bildintensiver und zwingender akustischer Durchdringung. Das leuchtende Gelb der Mäntel wies reizvoll auf das verhandelte Element, vertrieb jedoch auch jegliche Düsternis und weitete den Blick auf eine Hoffnungsperspektive, die die Menschheit trotz aller Bedenken noch hat. Jona müsste gefunden werden!
Die Hölle, sind das wir?
„Schattenseiten“, Eigenproduktion der FOS II Nürnberg unter Leitung von Daniel Behringer und Marzena Parusel
In düster flackerndem Licht und begleitet von Gitarrenakkorden stehen viele Stühle auf der Bühne. Eine große Grünpflanze ist in Plastik gehüllt. Aus dem Publikum kommend betritt ein entschlossenes Mädchen in hochhackigen Schuhen den dystopischen Ort und macht sich an die Arbeit, nach und nach die ganze Szenerie mit dünner Malerfolie zu überdecken. Kälte breitet sich aus. Das Schattenreich ist bereit „Besucher“ aufzunehmen. Zum Glück ein wärmender Moment: Die Pflanze wird enthüllt und bekommt einen Schuss Wasser. Die junge Frau blickt emotionslos auf ein sich näherndes Mädchen. Wo sind wir nur? Warum und wozu kommen noch weitere Personen dazu? Sie erhalten wortlos gefaltete Folien, die sie über den Kopf ziehen und setzen sich, drücken sie sich ans Gesicht, knüllen sie zusammen, nehmen sie ab und befreien sich. Sie blicken ernst und ängstlich um sich, sie krümmen sich auf ihren Stühlen. Dem Horror vacui ausgesetzt. Zögerlich entkrampft sich die Mimik, während die „Herrin“ von Anfang an angeregt zuschaut. Bis hierher wurde kein einziges Wort gesprochen, obwohl schon so viel erzählt wurde und die Szene in ihrer abweisenden Grundierung beklommen machte. Ein Höllenszenario der besonderen Art? Die Personen kommen auf einmal über ihre missliche Situation ins Gespräch: keine Zahnbürste, kein Bett, 4000 Pausen in einer Stunde, 4000 kleine Fluchten. Die „Herrin“ gibt das Motto aus: „Leben!?“ Zur Musik wird die Szene umgestaltet, die Stühle stehen nun in zwei Reihen. Ordnung muss dann doch sein. Das Gespräch streift die Absicht des Hierseins, die Unerträglichkeit des Wartens und die Rätselhaftigkeit ihres Schicksals. Mit einem absurden Schlussakzent enden die 30 Minuten Teileinblick in die theatrale Auseinandersetzung mit der „Hölle der anderen“: Ein junger Mann inspiziert auf allen Vieren das einzig lebendig Gebliebene im Raum, die Grünpflanze.
Das Stück entwickelte sich in hoher Konzentration und konsequent ausgehaltener Langsamkeit zu atmosphärischer Dichte, die über weite Strecken keiner Worte bedurfte. Durch diese Beredsamkeit erfuhr das Publikum mehr als das dann in der zweiten Hälfte verbal Mitgeteilte. Der Blick in die Hölle der Existenzialisten war eine halbe Stunde weit offen.
„Schattenseiten“, Eigenproduktion der FOS II Nürnberg unter Leitung von Daniel Behringer und Marzena Parusel
In düster flackerndem Licht und begleitet von Gitarrenakkorden stehen viele Stühle auf der Bühne. Eine große Grünpflanze ist in Plastik gehüllt. Aus dem Publikum kommend betritt ein entschlossenes Mädchen in hochhackigen Schuhen den dystopischen Ort und macht sich an die Arbeit, nach und nach die ganze Szenerie mit dünner Malerfolie zu überdecken. Kälte breitet sich aus. Das Schattenreich ist bereit „Besucher“ aufzunehmen. Zum Glück ein wärmender Moment: Die Pflanze wird enthüllt und bekommt einen Schuss Wasser. Die junge Frau blickt emotionslos auf ein sich näherndes Mädchen. Wo sind wir nur? Warum und wozu kommen noch weitere Personen dazu? Sie erhalten wortlos gefaltete Folien, die sie über den Kopf ziehen und setzen sich, drücken sie sich ans Gesicht, knüllen sie zusammen, nehmen sie ab und befreien sich. Sie blicken ernst und ängstlich um sich, sie krümmen sich auf ihren Stühlen. Dem Horror vacui ausgesetzt. Zögerlich entkrampft sich die Mimik, während die „Herrin“ von Anfang an angeregt zuschaut. Bis hierher wurde kein einziges Wort gesprochen, obwohl schon so viel erzählt wurde und die Szene in ihrer abweisenden Grundierung beklommen machte. Ein Höllenszenario der besonderen Art? Die Personen kommen auf einmal über ihre missliche Situation ins Gespräch: keine Zahnbürste, kein Bett, 4000 Pausen in einer Stunde, 4000 kleine Fluchten. Die „Herrin“ gibt das Motto aus: „Leben!?“ Zur Musik wird die Szene umgestaltet, die Stühle stehen nun in zwei Reihen. Ordnung muss dann doch sein. Das Gespräch streift die Absicht des Hierseins, die Unerträglichkeit des Wartens und die Rätselhaftigkeit ihres Schicksals. Mit einem absurden Schlussakzent enden die 30 Minuten Teileinblick in die theatrale Auseinandersetzung mit der „Hölle der anderen“: Ein junger Mann inspiziert auf allen Vieren das einzig lebendig Gebliebene im Raum, die Grünpflanze.
Das Stück entwickelte sich in hoher Konzentration und konsequent ausgehaltener Langsamkeit zu atmosphärischer Dichte, die über weite Strecken keiner Worte bedurfte. Durch diese Beredsamkeit erfuhr das Publikum mehr als das dann in der zweiten Hälfte verbal Mitgeteilte. Der Blick in die Hölle der Existenzialisten war eine halbe Stunde weit offen.







