67. Theatertage der bayerischen Gymnasien
Werdenfels-Gymnasium Garmisch-Partenkirchen
27. bis 30. Juli 2025
Motto: Fantastische Aussichten
Berichte von Wolfram Brüninghaus
In diesem Rückblick greife ich drei Aufführungen heraus, die einen kurzen Eindruck von der Veranstaltung vermitteln.
Flächenwirkung
„Damals war es Friedrich“ nach Hans Peter Richter – Mittelstufe des Carl-Orff-Gymnasiums Unterschleißheim unter Leitung von Stefanie Höcherl / Choreografin Kira Eichstätter und Clara Beck
Das bekannte Jugendbuch erzählt die Geschichte des jüdischen Jungen Friedrich. Doch vorangestellt ist die Ausweitung der allgemeinen Außenseiterproblematik in unserer Zeit: „Damals waren es die Juden. Heute sind es dort die Schwarzen, hier die Studenten, morgen werden es vielleicht die Weißen, die Christen oder die Beamten sein.“
Friedrich lebt zur Zeit des Nationalsozialismus. Das Bühnengeschehen beginnt vom Ende her: Kinder kommen in kleinen Gruppen, keuchen, sind entsetzt über den Tod Friedrichs. Das Aufgebrachtsein überzieht die große Bühne in bedrückenden Bewegungstableaus.Und nun erst wird von sechs Mädchen das Schicksal des Jungen erzählt. Eine Scheibe ging beim Ballspielen zu Bruch. Die Vermieter-Gruppe steht der Juden-Gruppe gegenüber. Beschuldigung und Rechtfertigung werden in einem Wortgefecht in chorischem Sprechen ausgetauscht und vor Gericht gebracht. In Gruppenaktionen tobt sich eine gegenseitige verbale Abrechnung aus.
Stimmungswechsel. Ausgelassenes Treiben im Schwimmbad. Doch auch hier wird Friedrich bloßgestellt. In dem theatralen Durchblättern des Romans und dem Ausspielen der einzelnen Episoden werden auch zeitgeschichtliche Bezüge eingebaut, die die Jugendlichen nicht unerwähnt bleiben lassen wollten: Angst vor Rechtsextremen, Mord vor der Synagoge in Halle. Oder der Rückgriff auf Heinrich Heine: „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ Immer wieder verbindet eine Gruppe von Mädchen hinter dem Geschehen auf der großen Bühne des Kongresshauses Garmisch-Partenkirchen durch bewegt-tänzerische Kommentierungen die Aufeinanderfolge der Episoden. Dadurch bekommt das kleinteilige Spiel Weite und verdeutlicht die fürchterlich sich ausbreitende Flächenwirkung. Dem Friedrich wird erzählt, dass sein Vater abgeholt worden sei. Der 9. November 1938 bleibt nicht unerwähnt mit den Plünderungen und der Judenjagd. Bombenalarm, die Sirene heult, der Jude Friedrich wird vom Luftschutzwart des Kellers verwiesen. Ohrenbetäubendes Explosionsgetöse. Zwei entkommende Mädchen fragen ins Publikum hinein: „Ist er's …?“
Das Buch steht immer noch im Kanon der Schullektüren, da es in seinen Episoden den Charakter von modellhaften, exemplarischen, geschichtsliterarischen Kurzgeschichten hat. Inzwischen erfährt es aber auch Kritik, weil es nicht die Frage nach Verantwortung stelle, zu fatalistisch wirke.
Trotzdem hat die große Gruppe das Buch theatral verlebendigt und exquisit herausgespielte Szenen geschaffen. Dadurch haben sich die Jugendlichen auch die Erkenntnis spielerisch erarbeitet, dass die Judenverfolgung von damals heute Paralleltendenzen besitzt. Das Anprangern von Ungerechtigkeit und Grausamkeit war schließlich verinnerlicht.
Werdenfels-Gymnasium Garmisch-Partenkirchen
27. bis 30. Juli 2025
Motto: Fantastische Aussichten
Berichte von Wolfram Brüninghaus
In diesem Rückblick greife ich drei Aufführungen heraus, die einen kurzen Eindruck von der Veranstaltung vermitteln.
Flächenwirkung
„Damals war es Friedrich“ nach Hans Peter Richter – Mittelstufe des Carl-Orff-Gymnasiums Unterschleißheim unter Leitung von Stefanie Höcherl / Choreografin Kira Eichstätter und Clara Beck
Das bekannte Jugendbuch erzählt die Geschichte des jüdischen Jungen Friedrich. Doch vorangestellt ist die Ausweitung der allgemeinen Außenseiterproblematik in unserer Zeit: „Damals waren es die Juden. Heute sind es dort die Schwarzen, hier die Studenten, morgen werden es vielleicht die Weißen, die Christen oder die Beamten sein.“
Friedrich lebt zur Zeit des Nationalsozialismus. Das Bühnengeschehen beginnt vom Ende her: Kinder kommen in kleinen Gruppen, keuchen, sind entsetzt über den Tod Friedrichs. Das Aufgebrachtsein überzieht die große Bühne in bedrückenden Bewegungstableaus.Und nun erst wird von sechs Mädchen das Schicksal des Jungen erzählt. Eine Scheibe ging beim Ballspielen zu Bruch. Die Vermieter-Gruppe steht der Juden-Gruppe gegenüber. Beschuldigung und Rechtfertigung werden in einem Wortgefecht in chorischem Sprechen ausgetauscht und vor Gericht gebracht. In Gruppenaktionen tobt sich eine gegenseitige verbale Abrechnung aus.
Stimmungswechsel. Ausgelassenes Treiben im Schwimmbad. Doch auch hier wird Friedrich bloßgestellt. In dem theatralen Durchblättern des Romans und dem Ausspielen der einzelnen Episoden werden auch zeitgeschichtliche Bezüge eingebaut, die die Jugendlichen nicht unerwähnt bleiben lassen wollten: Angst vor Rechtsextremen, Mord vor der Synagoge in Halle. Oder der Rückgriff auf Heinrich Heine: „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ Immer wieder verbindet eine Gruppe von Mädchen hinter dem Geschehen auf der großen Bühne des Kongresshauses Garmisch-Partenkirchen durch bewegt-tänzerische Kommentierungen die Aufeinanderfolge der Episoden. Dadurch bekommt das kleinteilige Spiel Weite und verdeutlicht die fürchterlich sich ausbreitende Flächenwirkung. Dem Friedrich wird erzählt, dass sein Vater abgeholt worden sei. Der 9. November 1938 bleibt nicht unerwähnt mit den Plünderungen und der Judenjagd. Bombenalarm, die Sirene heult, der Jude Friedrich wird vom Luftschutzwart des Kellers verwiesen. Ohrenbetäubendes Explosionsgetöse. Zwei entkommende Mädchen fragen ins Publikum hinein: „Ist er's …?“
Das Buch steht immer noch im Kanon der Schullektüren, da es in seinen Episoden den Charakter von modellhaften, exemplarischen, geschichtsliterarischen Kurzgeschichten hat. Inzwischen erfährt es aber auch Kritik, weil es nicht die Frage nach Verantwortung stelle, zu fatalistisch wirke.
Trotzdem hat die große Gruppe das Buch theatral verlebendigt und exquisit herausgespielte Szenen geschaffen. Dadurch haben sich die Jugendlichen auch die Erkenntnis spielerisch erarbeitet, dass die Judenverfolgung von damals heute Paralleltendenzen besitzt. Das Anprangern von Ungerechtigkeit und Grausamkeit war schließlich verinnerlicht.
„Damals war es Friedrich“ nach Hans Peter Richter – Mittelstufe des Carl-Orff-Gymnasiums Unterschleißheim unter Leitung von Stefanie Höcherl / Choreografin Kira Eichstätter und Clara Beck - © TAG Bayern / Lana Marie Krombach, Emilian Haas
Sieben auf einen Streich
„Todsünden“ - eine Collage aus sieben Bildern / Gymnasium Christian-Ernestinum Bayreuth unter Leitung von Anne Kilchert
Wer bekommt sie noch zusammen, die sieben Todsünden? Sind das nicht mittelalterliche Vorstellungen, die aus der Zeit gefallen sind? Wohl nicht, wenn Bertolt Brecht ihnen ein eigenes Stück gewidmet und Pina Bausch sie legendär vertanzt hat.
Es beginnt mit einer einzeln, aber auch chorisch präsentierten Bewegungsdeklamation, ausgeführt von sieben (!) Kindern. Das ist sozusagen das Inhaltsverzeichnis der nun folgenden Episodenfolge. Zum Neid wird und kurz und bündig dir Frage gestellt: „Willst du mein perfektes Leben sehen?“ Die Fotografen reißen sich um die perfekte Perspektive. Click me – Plakate werden den Fotografen entgegengestreckt. Zu chorischem Sprechen bewegt sich eine Gruppenskulptur und zeigt sich in steigender Intensität dumm, schnell und laut, also voller Hochmut. Auf Podesten tobt sich Zorn aus. In einem Schrei nach Liebe kulminieren Zornesausbrüche. Ein stummes, dennoch beredtes Bild zeigt die Gruppe verteilt auf dem Boden liegend. Es bewegen sich lediglich ein bis zwei Finger auf dem Handy. Trägheit hat alle sediert. Selbstverliebtes Umarmen. Ein eigener Text wird verlesen, und schwülstige Musik reichert die Szene der Wolllust an. Das beleibteste Mädchen mümmelt, was das Zeug hält, wird abgelöst von einem anderen Mädchen, das über Mikrofon sich selbst kommentiert: „Mehr, mehr, immer mehr!“ Dazu stopft es sich Zeitungsknäuel unter das T-Shirt und gibt sich das Lebensmotto: „Mehr in allen Lebenslagen!“ Und seitlich überfüllt ein Mädchen eine Wasserflasche. Da ist die Todsünde der Völlerei drastisch vor Augen geführt. Poetisch kommen wir zum Ende: In einer Projektion kreisen die Planeten im All, und Grillenzirpen begleitet sie dabei. Nach dem Verteilen von mit Gold und Silber beschichteten Rettungsdecken beginnt eine wilde Jagd, die Decken sich gegenseitig zu entreißen. Alle stehen schließlich nebeneinander an der Rampe, halten die Decken hoch und rufen: „Mein!“ Klar, das war die letzte Todsünde, die Habgier. Das launige Bebildern der sieben Szenen endet mit der Inhaltsübersicht wie zu Beginn.
Die Gruppe hat sich ernsthaft und auch zugleich mit zwinkerndem Auge mit der Bedeutung der sieben Begriffe für ihr heutiges Leben auseinandergesetzt und sah dabei kritisch in ihnen destruktive Kräfte und Emotionen. Für ihre Vermittlung wählte sie ausdrucksstarke Körperbilder, die sie geschickt ohne Bruch aneinanderbanden. Die Worteinblendungen wären nicht nötig gewesen, wurden die Todsünden doch deutlich herausgespielt. Das Publikum hätte sicher Spaß gehabt, von Mal zu Mal selber die jeweilige Todsünde herauszufinden.
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„Todsünden“ - eine Collage aus sieben Bildern / Gymnasium Christian-Ernestinum Bayreuth unter Leitung von Anne Kilchert
© TAG Bayern / Lana Marie Krombach, Emilian Haas |
Alles im Eimer
„Kidnap Royal" – Unterstufe des Johann-Michael-Fischer-Gymnasiums Burglengenfeld unter Leitung von Agnieszka Hübner
Eine Müll-Ouvertüre legt gleich zu Beginn fest, dass sich die Theatergruppe aus den Klassen 5 und 6 mit unserer Überflussgesellschaft auseinandersetzen wird.
Aus einem kurzen Gespräch zweier Polizisten erfahren wir, dass es keine Verbrecher gäbe. Beruhigend? Sogleich stürzt die Bühne in den Fall „Glitzerwelt“ hinein, indem sich fünf Mädchen mit Goldumhängen, übergroßen Sonnenbrillen und Plastikputzeimern als Prada-, Dior- und Vuittonhandtaschen am Arm in Szene setzen. Schnell wird klar, dass ein Mädchen von seinen Eltern vernachlässigt wird. Freundinnen kümmern sich. Sie geben ihm kleine schwarze Eimer als Geschenke.
Szenensprung: Kinder mit WiFi-Tafeln auf dem Kopf fangen (natürlich) mit einem Netz das Mädchen ein. Es sitzt in einer Falle. Da verabreden fünf (böse) Geister, das Mädchen zu entführen. Der Polizeiapparat setzt sich in Gang, und in einer aberwitzigen Szene wird die Verwaltung in einer Abstempelaktion (natürlich) mit Eimern geräuschvoll ad absurdum geführt. Kinder springen fröhlich (natürlich) mit bunten Eimern auf dem Kopf über die Bühne und besingen das Mädchen als Außenseiterin. Absurde Szenen reihen sich aneinander. So etwa verfärbt sich zauberhaft ein weißer (natürlich) Eimer in einen grünen. Diven präsentieren ihren Reichtum. Das vernachlässigte Mädchen irrt zwischen den reichen Eltern umher und muss erfahren, dass Geschenke nicht Gefühle ersetzen können. Die Eltern gehen ab mit der lakonischen Bemerkung: „Wir haben alles gegeben!“
Nun ist der Weg frei für den Beginn massiver Versuchungen, die in einem bunten Seidentüchertanz dekorativ bei Schwarzlicht und Schmuse-Pfeif-Musik herumschwirren. Die Entführung kann somit gelingen, und das Mädchen ist unter einem Berg (natürlich) von bunten Eimern gefangen. Jetzt kommt schließlich echte Zuwendung zum Tragen. Einer der Gangster spielt mit dem Mädchen Karten. Wohltuende Vivaldi-Klänge begleiten die Freundschaftsszene. Ein ausgelassener Tanz muss mit (natürlich) Eimern die emotionale Wendung feiern. Und der Schlusssatz „Man muss sich verlaufen, um wiedergefunden zu werden“ macht dem bunten Verwirrspiel (fast) ein Ende, bevor erneut getanzt wird (natürlich) mit Eimern.
Die Gruppe hat sich äußerst kreativ ein Stück erarbeitet, das ihre übersättigte Gesellschaft aufs Korn nahm. Es war klar zu erkennen, dass sich das Geschehen aus Improvisationen entwickelte. Die geniale Idee, die leeren und hohlen Eimer – bunt im Augenreiz – als Symbol der Sinnentleerung slapstickartig zum Running Gag werden zu lassen, trug durchs ganze Stück. Ein Stück voll von Humor und durchschaubarer Abstraktion, ein Stück über Reichtum, Sehnsucht und über das kleine Glück.
"Kidnap Royal", Johann-Michael-Fischer-Gymnasium Burglengenfeld, Spielleitung: Agnieszka Hübner
© TAG Bayern / Lana Marie Krombach, Emilian Haas
© TAG Bayern / Lana Marie Krombach, Emilian Haas
Folgende fünf Theatergruppen waren auch an den Theatertagen beteiligt:
„Schundtheater“ - Christoph-Jakob-Treu-Gymnasium Pegnitz unter Leitung von Eva Pöllinger
„Die absolut völlig total neuen Leiden des jungen W“ - Maria-Theresia Gymnasium München unter Leitung von Lena Ghio
„Wolfsbande“ - Gymnasium Christian-Ernestinum Bayreuth unter Leitung von Martina Wildgruber
„Woyzeck“ - Gymnasium bei St. Stephan Augsburg unter Leitung von Matthias Ferber
„Für immer Alaska“ - Willstätter -Gymnasium Nürnberg unter Leitung von Marcus Gangloff